Architektur als Social Design

atsipatari

 

2014 – Peru 
Institut für öffentliche Bauten und Entwerfen
Prof. Arno Lederer, Projektleitung: Dipl. Ing. Victoria von Gaudecker, Dipl. Ing. Architektin Dorothee Riedle
Bauleitung: Dipl. Ing. Victoria von Gaudecker , Dipl. Ing. Walter Iwersen, Hannah Klug
Mitarbeit: Moritz Hagemeyer, Véronique Pavelec, Hristina Safronova
Teilnehmer: Felix Bölcskei, Claudia Deppe, Benjamin Feller, Agnetha Götz, Felix Hof, Sofia Kerner, Johannes Klieber, Michael Loth, Isabelle Modler, Thomas Ochsenberger, Hannah Pfaff , Maximilian Schäfer, Mike Schmidt, Sebastian Schwarz, Julienne Zürn

 

Theorie und Praxis sind zwei Seiten einer Medaille. Wer die Theorie nicht beherrscht bekommt bei der praktischen Umsetzung Probleme und wer nicht über praktische Erfahrungen verfügt verirrt sich oft in „grauer Theorie“. Diese Einsicht ist nicht neu, doch wie lässt sie sich am besten an unsere Studenten vermitteln? Wie füllt man sie mit Leben, in einer Zeit, die nicht nur in der Architektur immer mehr internationales Verständnis und globale Verantwortung fordert? Ein Ansatz dieser Herausforderung gerecht zu werden war im Wintersemester 2013 / 2014 das Projekt des IÖB Stuttgart „Atispatari“ – build together, learn together. „Atispatari“ bedeutet in Asháninka, der Sprache der Bürger von Sondoveni „ zusammen“ oder „gemeinsam“. Ein Begriff, der im Regenwald eine viel konkretere Bedeutung hat als in unserer oft unpersönlichen Gesellschaft. In diesem Sinne ging auch dem Startschuss für das Projekt „Atispatari“, gemeinsam mit der Studentengruppe Construyeidentidad der Ponti cia Universidad Católica del Perú in Lima Peru, der Hilfsorganisation Creciendo und den Bewohnern des Dorfes Sondoveni /Junin / Peru eine lange, gemeinsame Vorbereitungs- und Abwägungsphase voraus, bis die Studenten dann im letzten Semester mit diesem Projekt starten konnten. Der Entwurf des Schulgebäudes wurde auf der Grundlage des Raumprogramms bis Weihnachten 2013 in einer zweimonatigen Entwurfsphase von den 15 Studenten der Universität Stuttgart unter der Leitung von Dorothee Riedle und Victoria von Gaudecker am Institut für öffentliche Bauten und Entwerfen geplant. In ökologischer Bauweise galt es ein Schulhaus für die weiterführende Schule mit 6 Klassenzimmern, einem Speisesaal, der auch als Aula und Multifunktionsraum genutzt werden kann, eine Bibliothek, Lehrerwohnung sowie eine Sanitäreinheit für alle Kinder zu entwerfen. Dabei wurde die Schule mit dem gesamten Raumproramm geplant. Besonderen Wert legte der Lehrstuhl darauf, dass der Entwurf in zwei Bauabschnitten realisiert werden konnte, wobei schon im ersten Bauabschnitt eine kleinere, voll funktionsfähige Schule mit zwei Klassenzimmern entstehen sollte. Die sechs weiteren Klassenzimmer sind für eine spätere Realisierungsphase vorgesehen. Der ausgewählte Entwurf gliedert sich in zwei gegeneinander verschobene Gebäuderiegel mit einer Länge von jeweils ca. 60 Metern. In der Mitte liegen sich Bibliothek und Speisesaal gegenüber und bilden gerahmt von zwei überdachten Übergängen einen Innenhof aus. In Verlängerung der überdachten Wege ergeben sich wunderschöne Ausblicke in die Hügel des Regenwaldes.

 

Vor den beiden Gebäuderiegeln liegen jeweils lange überdachte Laubengänge, die auch bei Regenwetter eine trockene Wegeverbindung der Räume untereinander ermöglichen. An den Enden der Gebäuderiegel befindet sich auf der nördlichen Seite die Küche und auf der südlichen Seite die Sanitäreinheit.

 

Die Konstruktion ist als eine einfache Holzrahmenkonstruktion geplant, die auf Punktfundamenten aufgelagert ist. Die Wände sind mit Holz, Bambus und Camona, einem geschnittenen Holz des Regenwaldes verkleidet. Die Fenster sind als Holzklappen geplant, die zur Kühlung in unterschiedlichen Stufen geöffnet werden können und so ein heiteres Spiel in der Fassade ergeben. Die Bibliothek kann über raumhohe Falttüren bei Bedarf komplett zum Innenhof geöffnet werden.

 

Der große Herd in der Küche wurde aus Lehmsteinen gemäß der Anleitungen zu den „Cocina mejoradas“ in Mauerwerk aufgebaut. Über eine Wasserleitung zum Dorf wurde mittels Pumpe der neue Wasserspeicher gefüllt aus dem das Wasser dann über einen Trinkwasserfilter zur Küche und Sanitäreinheit mit Duschen und Waschbecken geleitet wird. Die Toiletten werden als Komposttoiletten genutzt für die eine zusätzliche Kompostieranlage an der seitlichen Böschung mit Stützwand und Bodenplatte aus Stahlbeton erstellt wurde.

 

Allen widrigen Umständen zum Trotz haben wir das gemeinsame Ziel schließlich doch erreicht. Am 16. März 2014 haben die Dorfbewohner, die Mitarbeiter der Hilfsorganisation Creciendo und unser Team aus Stuttgarter und peruanischen Studenten den ersten Bauabschnitt der Schule auf dem Hügel Sondovenis feierlich eröffnet.